12 Bordeaux-Trouvaillen

14. Februar 2017

Eine Erinnerung daran, wie grossartig und vielfältig und manchmal gewagt das Bordelais sein kann: 12 Perlen in Rot, Weiss und Gold.

 

ROT


     

Rarität  ♢
Clos Louie 2012 | Côtes de Castillon

Wurzelechte Reben. Dieser Wein braucht Zeit. Die Reben haben sie schliesslich auch gehabt: 150 Jahre sind sie alt; ungepfropft stehen sie mit ihren eigenen Wurzeln im Boden. Die Rebsortenzusammensetzung ist nicht ganz klar, denn Merlot, Malbec, Carmenère und Cabernet Franc wachsen hier im gemischten Satz. Das Winzerpaar Sophie Douteau und Pascal Lucin arbeitet ökologisch und baut den Wein in 500-Liter-Fässern aus. Schonende Methoden, die sich in der unglaublichen Finesses dieses Gewächses niederschlagen. Der 2012er braucht eine gute halbe Stunde im Glas, bis er sich einigermassen zeigt. Aber dann: komplexe Nase von Kirsche und Holunder, Kräutern und Stein, Gewürzen und Kaffee. Darüber schwebt eine aparte Veilchennote. Dichte Textur, saftiges Tannin, kompakte Gerbstoffe – eine Statue von Wein! 18/20

Bezug: www.gerstl.ch, 38 CHF

 


 

     

     

Château Teyssier 2011 | Saint-Emilion

Ein Engländer in Saint-Emilion. Jonathan Maltus stammt aus Nordengland, wurde in Nigeria geboren, arbeitete in der Ölindustrie, lernte dann in Cahors das Weinmachen, und liess sich schliesslich in den 90er Jahren mit seiner Frau Lyn in Saint-Emilion nieder. Berühmt wurde er, als Parker den Jahrgang 2010 seines Garagenweins Le Dôme mit 100 Punkten auszeichnete. Château Teyssier ist sein bezahlbarer Tropfen – und ein sehr, sehr trinkiger. Aus dem Glas springen Frucht und Gewürz: Johannisbeere, Kirsche, Zimt, Pfeffer, Zeder, Schokolade, Zigarrenkiste, Leder. Am Gaumen stolze Herbe und kräftige Säure, samtige Textur, knackig-herbes Tannin. Saft, Kraft, Frische! 17/20

Bezug: www.lidl.de, 16.99 EUR

 

 


 

     

Coup de Cœur  ♡
Château Le Pape 2012 | Pessac-Léognan

Aus dem Keller von Haut-Bailly. Château Le Pape ist das Gästehaus des Spitzenguts Haut-Bailly in Pessac-Léognan. Der amerikanische Inhaber Robert Wilmers und seine französische Frau Elisabeth haben das Anwesen mit viel Liebe und persönlichem Touch gestaltet. Die Bilderbücher in den Regalen etwa gehören den Enkeln des Paares. So sieht Klasse aus: Alles lädt ein, nichts schreit. Dasselbe gilt für den Wein, gekeltert durch die Equipe von Haut-Bailly. Es ist ein ausgewogener, eleganter, leichtfüssiger Tropfen mit charmanter Frucht, warmen Gewürzen und einer duftigen Blütennote. Understatement pur! 16.5/20

Bezug: www.schreiblehner.de, 28.50 EUR

 


    

Château Biac 2011 | Côtes de Bordeaux

Das Händchen des Mouton-Machers. 2006 kaufte der libanesische Banker Tony Asseily das Gut Château Biac. Die Rebberge liegen in einem der idyllischsten Flecken des Bordelais, 20 Kilometer südlich von Bordeaux mit Blick auf die mäandernde Garonne. Einziger Haken: Die Gegend ist nicht unbedingt für Spitzenweine bekannt. Hier kommt Patrick Léon ins Spiel. 20 Jahre war er Weinmacher auf Château Mouton Rothschild und arbeitet heute als Konsulent. Mit seinem Händchen half er, die Rotweine des Gutes an die Spitze der Appellation Côtes de Bordeaux zu bringen. Der 2011er Biac zeigt die elegante Herbe und kompakte Statur des Cabernet Sauvignon, ist würzig und rauchig mit Noten von Cassis und Kirsche, Sandelholz und Graphit. Das Tannin rollt feinkörnig über die Zunge, das Finale ist edel und herb. Ein echter Landadeliger. 16.5/20

Bezug: www.bauraulacvins.ch, 34 CHF

 


 

Château Siaurac 2010 | Lalande de Pomerol

Latour-Eigner als Partner. Dem französischen Milliardär François Pinault gehören Château Latour, der Palazzo Grassi in Venedig, das Auktionshaus Christie’s und ein Fussballverein – unter anderem. Als er vor zwei Jahren Anteile am Weingut Château Siaurac in der Underdog-Appellation Lalande de Pomerol kaufte, wusste er, was er tat. Schon vorher war Siaurac ein echter Trinkgenuss und sicherer Wert. Zu verdanken ist das Aline und Paul Goldschmidt, die den Familienbesitz energisch auf Vordermann brachten. Der 2010er Siaurac zeigt’s: Er ist würzig und opulent mit Noten von Brombeere, Lorbeer, Zigarrenkiste und Sattelleder, viel Stoff und Körper und herber Substanz. Das Finale erinnert an holländische Salzlakritze. Spass in der Flasche! 16/20

Bezug: www. schreiblehner.com, 19.90 EUR

 

 


   

 

Château Mille Roses 2010 | Haut-Médoc

Wider die Konvention. Aus Konventionen machen sich Sophie und David Faure nicht viel. Ihr 10-Hektar-Gut Château Mille Roses war früher mal Cru Bourgeois, doch die beiden traten aus dem Kreis aus: Ihr Wein sollte für sich sprechen. Und das tut er. Aus biologisch bewirtschafteten Reben keltern die beiden ausgesprochen jahrgangs- und terroirtreue Tropfen. Der 2010er zeigt dunkle Frucht und packende Hebe, zugleich streichelt er überraschend seidig den Gaumen. Vielleicht liegt’s daran, dass das Winzerpaar nur 15 Prozent Neuholz verwendet. Ein typisch untypischer Médoc mit Muskeln und Feingefühl. 16/20

Bezug: www.martel.ch, 25 CF

 



 

Château Béhéré 2012 | Pauillac

Der Klempner, der Mouton Rothschild foppte. Der Macher dieses Weins, Jean-Gabriel Camou, ist eigentlich gar kein Winzer. In Pauillac kannte man ihn als Klempner. Seine Werkstatt hatte er gleich neben Château Mouton Rothschild. Ab und reparierte er eine Leitung auf dem Gut. Nebenher begann er, Reben zu bewirtschaften. Doch eines Tages wurde Camou schlagartig zum Tagesgespräch. Er hatte Land gekauft, das man auf Mouton für einen Feldweg hielt. In Wirklichkeit war es Rebland, und so pflanzte der Klempner seine Stöcke munter neben die Reben eines der berühmtesten Weingüter der Welt. Hier erzählt uns Jean-Gabriel seine Geschichte. Leider endete sie im Jahr 2013. Mangels Erben entschloss er sich, sein Land zu verkaufen – für gemunkelte 1.8 Millionen Euro pro Hektar. 2012 ist sein letzter Jahrgang. Ein klassischer Pauillac: in der Nase Cassis, Asche, Kaffee und Zedernholz, etwas Lakritz, dezente Blütennote. Am Gaumen saftige Frucht, frische Säure, feinkörniges Tannin, schöne Herbe, angenehme 12.5 Volumenprozent Alkohol, gut gemeisterte Extraktion – bravo, hier wurde nicht zu viel gewollt! Ein toller Tischwein, von dem man auch ein zweites und drittes Glas trinken mag. 15.5/20

Bezug: www.lidl.de, 21.99 EUR

 


 
 

 

La Croix Simon 2014 | Bordeaux Supérieur

Beste Bordeaux-Basis. Was ist eigentlich ein Alltagswein? Wenn’s nach uns geht, muss er folgende Dinge können: Er sollte trinkig sein. Und zwar sofort. Uns nicht jahrelang raten lassen, ob er endlich die optimale Reife erreicht hat. Er sollte zum Essen passen – nicht nur zu einem Gericht, sondern zu vielen. Er darf nicht zu schwer sein, weder für den Kopf, noch für den Geldbeutel. So wie La Croix Simon, ein Bordeaux Supérieur aus biologischem Anbau. Viel Frucht, frische Kirsche, Gewürze und Lakritz, Lorbeer und Vanille. Unkomplizierter Trinkfluss. Leichte 12.5 Volumenprozent. Und das alles zum kleinen Preis. Ein freundlicher Bordeaux für jeden Tag. 15/20

Bezug: www.vinoresca.com, 9 EUR

 

 

 

 

WEISS


 

Preis-Leistungs-Hit  ☼
Château Reynon 2015 | Bordeaux

Denis Dubourdieus letzter Jahrgang. Zugegeben, für Bordeaux-Fans ist Château Reynon kein Geheimtipp. Doch 2015 ist der letzte Jahrgang des begnadeten Önologen und Pädagogen Denis Dubourdieu. Man nannte ihn den Weissweinpapst; der Sauvignon-Blanc war seine Leib- und Magen-Sorte. Keiner brachte die Weissen von Bordeaux mehr nach vorne als er, weg vom Mittelmass, hin zu frischen, saftigen, präzisen, sortentypischen Tropfen. Auf seinem eigenen Gut kelterte er den Sauvignon genau so, wie er ihn mochte: mit den typisch schweissig-schwefligen Aromen von ganz knapp reifen Trauben – Buchsbaum, Tomatengrün, Katzenpipi, Grapefruit, Verveine. Im sonnigen Jahrgang 2015 kommen exotische Fruchtnoten dazu, fast scheint der Stil ein bisschen neuseeländisch, «sweet and sour». Im Finale dann ein Säurekick, der sich gewaschen hat. Mundwässernd! Dem ein oder anderen mag’s zu grün sein, wir lieben es. 16.5/20

Bezug: www.schreiblehner.de, 9.90 CHF

 



 

Château Marjosse 2012 | Entre-Deux-Mers

Pierre Lurtons Herzensprojekt. Andere kaufen sich ein Ferienhaus, «ich kaufe mir lieber ein paar Reben», sagt Pierre Lurton. Geboren in eine der prominentesten Weinfamilien von Bordeaux, wacht er heute über die Flaggschiffe des Luxuskonzerns LVMH: die Weinlegenden Cheval Blanc in Saint-Emilion und Yquem in Sauternes. Château Marjosse ist sein eigenes Baby. Es liegt im Entre-Deux-Mers, der Hochburg des Sauvignon Blanc. Und dieser gelingt ihm ausgezeichnet: rauchige Nase, gelbe Frucht, Ananas, Tomatengrün. Am Gaumen rund und cremig, gleichzeitig spritzig und frisch, herb und dicht. Finale von Haselnuss, Röstbrot und Feuerstein. Ein Weisser, der reifen kann. 16.5

Bezug: www.schuewo.ch, 16 CHF (aktuell ist der Jahrgang 2014 erhältlich)

 



 

Château du Champ des Treilles | Vin Passion 2014 | Bordeaux

Comme unplugged. Jean-Michel Comme ist bekannt als Biodynamiepionier und 100-Punkte-Weinmacher auf Château Pontet-Canet in Pauillac. Was nur wenige wissen: Zusammen mit seiner Frau Corinne besitzt er ein eigenes Weingut in Sainte-Foy am Rande des Bordelais. «Auf Champ des Treilles arbeiten wir, wie man es nur als Eigentümer kann: ohne Kompromisse», sagt er. Die beiden lassen sich leiten von Rudolf Steiners Philosophie und der eigenen Intuition. Der Wein scheint dabei fast zweitrangig: «Man muss ihn werden lassen», sagt Corinne. Vin Passion heisst der Weisse des Winzerpaares, gekeltert aus je einem Drittel Sauvignon Blanc, Sémillon und Muscadelle. Ein ungewöhnliches Exemplar: kein Effekthascher, sondern ein ausgewogener Tropfen, der den Gaumen ganz unprätentiös erfreut und erfrischt. Aromen von Apfel, Pfirsich, Akazienblüten, Feuerstein und Mandel paaren sich mit einer cremigen Textur, angenehmen Herbe und lebhaften Säure. Stetig verändert er sich im Glas und zeigt immer neue Facetten. Ein Wein, der lebt. 16/20

Bezug: www.lemillesime.ch, 15 CHF

 

 

SÜSS



 

 

Château de Myrat 2001 | Sauternes

Bordelaiser Prominenz. Jean de Pontac war der Gründer von Château Haut-Brion. Sein Nachfahre Arnaud de Pontac erfand den modernen Bordeaux-Roten mit Maischegärung und Faussausbau. Kurz: Die Pontacs gehörten – und gehören – zu den prominentesten Familien von Bordeaux. Quasi geschichtsbuchberühmt. Doch über die Jahrhundert zerstreuten sich die Familie und der Besitz. Heute ist genau ein Gut übrig geblieben: Château de Myrat. Hier werden keine Rotweine gekeltert, sondern edelsüsse Tropfen, die genauso bescheiden daherkommen, wie sich die Familie sympathischerweise gibt. 2001 war ein herausragendes Süsseweinjahr im Bordelais, so auch auf Myrat. Der Wein funkelt bernsteinfarben im Glas, duftet intensiv nach Trockenaprikose, kandierter Orange, Heu und Safran. Am Gaumen ist er frisch und straff, die Süsse tritt bereits in den Hintergrund und macht herberen Noten Platz. Endlos viel Rasse und Charakter!

Bezug: www.millesima.ch, 45 CHF