Getroffen: Rodrigo Soto, Weinmacher bei Veramonte, Chile

25. Februar 2017

Er keltert einige der spannendsten Cool-Climate-Weine Chiles. Rodrigo Soto über Bio ohne Kompromisse, Reben mit Gangschaltung und warum Chile mit dem Carmenère eine goldene Gelegenheit verpasst hat.

Rodigo Soto, Weinmacher bei Veramonte. (Foto: z.V.g.)

Kaum 30 Jahre ist her, da wuchs in Casablanca alles ausser Reben. Das Tal liegt kaum 50 Kilometer vom Pazifik entfernt, in den Ausläufern des Küstengebirges, welches es vom Rest des Landes trennt. Chiles Weinbau blühte traditionell woanders, etwa in Colchagua oder Maipo. Doch in den 90er Jahren fragte sich eine Handvoll Weinmacher, ob Casablanca nicht verborgene Qualitäten hatte. Einer von ihnen war der Visionär Agustín Huneeus. In den 1960er Jahren hatte er Concha y Toro zum Weltkonzern gemacht. 1970 wurde der Sozialist Salvador Allende Präsident, das Weingut ging in Staatsbesitz über, und Huneeus wanderte in die USA aus. Nach einem Halt in New York wurde er schliesslich als Wein-Entrepreneur in Kalifornien sesshaft.

Und wie es der Zufall wollte: Casablanca erinnerte ihn an Nordkalifornien. Durch den nahen Humboldtstrom ist der Pazifik bei Casablanca besonders kalt. Frische Nächte, gefolgt von Morgennebel, halten die Trauben kühl. Huneeus pflanzte Sauvignon Blanc und Pinot Noir, als einer der Ersten in Chile – und traf ins Schwarze. Heute ist Casablanca die spannendste Cool-Climate-Region des Landes. Und nach wie vor zählt Huneeus’ Projekt, das Weingut Veramonte, zu den Qualitätsvorreitern der Region.

2016 ging Veramonte in den Besitz der Familie González Byass über. Das spanische Unternehmen reicht zurück bis ins Jahr 1835 und ist weltberühmt für seine Sherrys, von raren Sacristía-Weinen bis zum Crowdpleaser Tío Pepe. «Mit Veramonte und González Byass treffen sich zwei Familienunternehmen», sagt Rodrigo Soto. Seit 2012 ist er Weinmacher auf Veramonte, und genauso lange befindet sich das Gut auf konsequentem Biokurs. Der gebürtige Chilene Soto war nach Stationen in seinem Heimatland und in Neuseeland zuletzt Winemaker beim Biopionier Benziger in Sonoma. Sein nächstes Ziel ist die Umstellung der rund 600 Hektar Rebfläche von Veramonte, verteilt auf Casablanca und angrenzende Gebiete, auf Biodynamie.

Ich traf Rodrigo Soto im Dezember zu einem Winemaker’s Lunch in Zürich. Er zeigte einen Querschnitt des Unternehmens-Portfolios: die trinkige Veramonte-Linie, die gehaltvollen Primus-Tropfen aus Colchagua und Maipo, den Neyen aus wurzelechten Reben sowie die eleganten Terroirgewächse der Ritual-Linie aus Casablanca. Mehr über meinen Favoriten lesen Sie hier. Doch mindestens ebenso spannend wie die Weine war das Gespräch. Rodrigo Soto ist ein sanfter, eloquenter Redner mit Überzeugung und Humor. Die chilenische Weinwirtschaft schaut er mit der Verbundenheit eines Einheimischen und dem kritischen Auge eines Weitgereisten an. Die Gesprächsnotizen.

Morgennebel in Casablanca. (Foto: z.V.g.)

Rodrigo Soto über

… den «typischen Charakter» chilenischer Weine: «Von Kollegen und Weinliebhabern im Ausland hörte ich immer wieder, chilenische Weine hätten einen ‹typischen› Charakter. Es stellte sich heraus, dass meine Gesprächspartner damit grüne Noten und Adstringenz meinten! In Wirklichkeit sind das die Folgen einer aggressiven Landwirtschaft. Wenn man Pflanzen überstimuliert, produzieren sie viel Zucker, doch die Phenole werden nicht reif. Als Resultat erhält man Weine mit viel Alkohol und trockenen Tanninen. Wir müssen unsere Rebberge anders bewirtschaften, dann machen wir hoffentlich bald mit einer ganz anderen Typizität von uns reden.»

… Bioweinbau: «Auf Veramonte haben wir den ganzen Betrieb auf einmal zum Bioanbau konvertiert – entweder man tut’s, oder man tut es nicht. Wer halbe Sachen macht, hält sich immer ein Hintertürchen offen. Am Ende gewinnt so das Mittelmass. Wir wollten uns selber keine Entschuldigung geben, von unserer Philosophie abzuweichen. In der Natur ist alles holistisch. Wir Menschen neigen dazu, die Dinge getrennt voneinander zu betrachten, doch das sind sie nicht. Darum gehen wir jetzt noch einen Schritt weiter und stellen unsere Rebberge auf Biodynamie um.»

biodynamischen Weinbau: «Als ich zu Beginn meiner Laufbahn anfing, auf einem biodynamischen Weingut zuarbeiten, wusste ich nicht viel über die Philosophie Rudolf Steiners. Ich fand’s einfach cool. Doch die Weine sprechen für sich: Sie sind ausdrucksstärker, die Frucht ist klarer, die Textur dichter. Vor allem aber verhalten sich die Reben komplett anders. In Chile haben wir immer mehr mit Hitzewellen zu kämpfen. Konventionell bewirtschaftete Reben können solche Naturereignisse nicht richtig interpretieren. Sie wachsen und wachsen, bis sie kollabieren. Das Ergebnis sind überreife, gekochte Weine. Biodynamisch kultivierte Reben scheinen dagegen eine Art Gangschaltung zu haben. Sie sind widerstandsfähiger, passen sich an die Gegebenheiten an. Für die Qualität ist das ein unschätzbarer Vorteil.»

… Chiles Terroir: «In Chile wurden die Appellationen aufgrund politischer Grenzen definiert, nicht aufgrund des Terroirs. Wir haben sehr unterschiedliche Bodenstrukturen. Bei uns in Casablanca etwa wachsen die Reben auf dem verwitterten Granit des Küstengebirges. Anderswo stehen sie auf Lehm oder auf Andengeröll. Der Faktor Boden ist noch viel wichtiger als das Klima. Der Weg zu echten Terroirweinen führt über die Differenzierung unserer Böden.»

… alte Reben: « Wir Weinmacher lieben es, über Terroir zu sprechen, über ‹Fingerprint›, ‹Sense of Place›. Der Schlüssel dazu sind alte Reben. Doch in der Neuen Welt sterben die Rebstöcke durchschnittlich im Alter von 17 Jahren. Ab dem dritten Jahr erwartet man Früchte, und wenn der Bankkredit für den Weinberg nach 20 Jahren ausläuft, sind die Reben tot. Das sind die Folgen einer aggressiven Wirtschaftsweise. Terroirweine entstehen so nicht.»

… die Carmenère-Traube: «1997 fiel Rebforschern auf, dass die meisten Stöcke, die wir in Chile für Merlot gehalten hatten, in Wirklichkeit Carmenère waren. Eine unglaubliche Geschichte! Endlich hatten wir unsere Signaturtraube, so wie die Argentinier ihren Malbec. Leider haben wir so hyperventiliert, dass wir vergassen, Qualität zu liefern. Der Carmenère ist eine dickschalige Traube, sie reift nur schwer und entwickelt schnell grüne Noten. Vor 20 Jahren waren die Weine noch ruppiger als heute. Kurz, wir haben eine goldene Gelegenheit verpasst. Jetzt müssen wir wieder von vorne anfangen.»

… Sortenweine vs. Blends: «Ich bin überzeugt, dass nur sehr wenige Trauben wirklich gute reinsortige Weine ergeben. Pinot Noir gehört dazu, Cabernet Sauvignon auch – Carmenère aus meiner Sicht nicht. Er ist ein hervorragender Assemblage-Partner, er gibt Fleisch und Würze und verträgt sich hervorragend mit den anderen Trauben aus Bordeaux, woher er ja ursprünglich stammt. Reinsortig hingegen ist er schwierig. Um ihn attraktiv zu machen, muss man ihn verbiegen, indem man durch Überreife eine gewisse Weichheit vortäuscht. Sein wahrer Charakter ist ein anderer. In Blends und vor allem mit der Reife bekommt er eine wunderbare Tiefe und Länge. Diese Chance sollten wir ihm geben.»

… autochthone Trauben: «Zurzeit erblicken in Chile einige spannende Projekte das Tageslicht. Ganz im Süden des Landes zum Beispiel, im Weinbaugebiet Itata, versuchen ein paar Weinmacher, die País-Traube zur Geltung zu bringen. Das ist die Sorte der spanischen Eroberer, in Kalifornien kennt man sie als Mission Grape. Sie wird vielleicht niemals Weltklasseweine ergeben. Aber wir brauchen die Träumer, die Handwerker, die Kleinen, alle, die sich etwas trauen.»