Getrof­fen: Alex­andre Char­to­gne, Cham­pa­gner-Über­flie­ger

8. Juni 2017

Mit­ten im Land der Mar­ken­cham­pa­gner zieht Alex­andre Char­to­gne sein Ding durch. Der 33-Jäh­ri­ge Aus­nah­me­win­zer über den Geschmack von Fisch­ske­let­ten, fata­le Irr­tü­mer bezüg­lich Schwe­fel und sei­ne ille­ga­le Par­zel­le.

Alex­andre Char­to­gne mit sei­nem Pferd im Reb­berg.

Alex­andre Char­to­gne, 33, ist zugleich Shoo­ting Star und alter Hase. Vor elf Jah­ren über­nahm er den Win­zer­be­trieb sei­ner Eltern in Mer­fy im Gebiet Mon­ta­gne de Reims. Gelernt hat er beim auf­rüh­re­ri­schen Ansel­me Selos­se, dem Urva­ter der Win­zer­cham­pa­gner-Bewe­gung. Heu­te sind Alex­andres Wei­ne rund um die Welt ein (Fast-nicht-mehr-)Geheimtipp. Zu Recht: Sei­ne natur­nah erzeug­ten Trop­fen über­ho­len vie­le gros­se Namen auf der lin­ken Spur, Staub­wölk­chen inklu­si­ve. Ach­tung, «easy drin­king» ist das nicht. Oder nicht unbe­dingt. Alex­andre sagt sel­ber: «Mei­ne Wei­ne sind nicht da, um Sie glück­lich oder unglück­lich zu machen. Sie sind da, um von ihrer Her­kunft zu erzäh­len.» Dafür macht er sich eini­ge Arbeit. So bestellt er die Reb­ber­ge per Pferd, um den Boden nicht zu ver­dich­ten, (Rand­be­mer­kung: Am Wochen­en­de leiht er sei­ne Rös­ser an Roede­rer), und benutzt kei­ner­lei syn­the­ti­sche Pflan­zen­schutz­mit­tel. Auf elf Hekt­ar Reb­flä­che erzeugt er je nach Jahr­gang sechs bis zehn ver­schie­de­ne Wei­ne. Her­aus kom­men, schlicht und ein­fach: Uni­ka­te. Jeder Wein und jeder Jahr­gang ist anders. Doch sie alle spre­chen zu dem, der sich auf sie ein­lässt.

Alex­andre Char­to­gne ist ein jun­gen­haf­ter Typ, ruhig, kom­pe­tent, reflek­tiert und mit viel Schalk im Nacken. Leicht unge­kämmt und im Woll­pul­li steht er vor sei­nem Publi­kum, eine Bier­fla­sche in der Hand. Irgend­wie beein­dru­cken sei­ne Wei­ne dadurch noch mehr. Da steht einer, der nicht so tut, als ob. Ein­drü­cke von einer eben­so amü­san­ten wie tief­grün­di­gen Prä­sen­ta­ti­on.

Alex­andre Char­to­gne über

… den Geschmack von Cham­pa­gner: «Das wich­tigs­te Ele­ment im Geschmack von Cham­pa­gner sind die Sal­ze. Einst lag die Cham­pa­gne unter dem Meer. Als das Meer ver­schwand, kris­tal­li­sier­ten die Fisch­ske­let­te und wur­den zu Kalk. Und genau danach muss ein Cham­pa­gner schme­cken: nach dem Kalk, auf dem er wächst, und nach dem Salz des Mee­res.»

… die Tex­tur des Wei­nes: «Beschrei­ben Sie einen Wein nicht nach sei­nen Aro­men. Eine Frucht schmeckt für jeden Men­schen anders. Aber das Voka­bu­lar des Füh­lens, der Emp­fin­dung im Mund, ist uni­ver­sell: Sei­dig, rau, kalt, warm – dar­un­ter kann sich jeder etwas vor­stel­len. Am bes­ten ist es, man kaut den Wein regel­recht. Mit gutem Grund benutz­ten die Mön­che frü­her den Tas­t­evin, um Wein zu ver­kos­ten. Die brei­te, fla­che Form die­ses Gefäs­ses zwingt dazu, beim Trin­ken Luft ein­zu­sau­gen. So nimmt man die Tex­tur des Wei­nes war.»

… Spon­tan­gä­rung: «Die ers­te Gärung las­se ich spon­tan gesche­hen. Ich habe sogar Pro­ben aus mei­nen ver­schie­de­nen Par­zel­len genom­men, um her­aus­zu­fin­den, ob sich die Hefen unter­schei­den. Gröss­ten­teils tun sie das, dar­um gerät jeder Wein so indi­vi­du­ell. Für die zwei­te Gärung hin­ge­gen arbei­te ich mit mög­lichst neu­tra­len Rein­zucht­he­fen. Mit Wild­he­fen hät­te ich das Risi­ko, mir die gan­ze Qua­li­tät zu ver­mas­seln, für die ich vor­her so hart gear­bei­tet habe. Im Moment gehe ich dar­um auf Num­mer sicher.»

… Holz­fäs­ser: «Tra­di­tio­nell wer­den Cham­pa­gner-Grund­wei­ne im Holz­fass aus­ge­baut. Das hat sei­nen Zweck. Jeder Wein hat zwei Kom­po­nen­ten: den orga­ni­schen Anteil, also die Trau­be, und den mine­ra­li­schen Anteil, den Boden. Sauer­stoff hilft dem Wein, über den simp­len Reb­sor­ten­cha­rak­ter her­aus­zu­wach­sen und sei­ne Her­kunft zu zei­gen. Edel­stahl hält den Sauer­stoff draus­sen. Holz lässt ihn an den Wein.»

… Schwe­fel: «Glau­ben Sie mir, wir Fran­zo­sen sind viel zu faul, um etwas Über­flüs­si­ges zu erfin­den! Wenn wir das Schwe­feln erfun­den haben, dann weil der Wein es braucht. Ich per­sön­lich ver­su­che, so wenig Schwe­fel wie nötig zu ver­wen­den. Doch es kommt auch auf die Her­kunft der Trau­ben an. Vor kur­zem pro­bier­te ich einen Bur­gun­der, der ohne jeden Schwe­fel­zu­satz erzeugt wor­den war. Er schmeck­te fan­tas­tisch, abso­lut jugend­lich. Dann erzähl­te mir der Win­zer, die Reben wüch­sen auf Gneis­bö­den. Gneis ent­hält auf natür­li­che Wei­se Schwe­fel. Viel­leicht war der Wein des­halb so halt­bar? Ande­re Wei­ne hin­ge­gen brau­chen zusätz­li­chen Schutz. Ich hof­fe, nie­mand von Ihnen beur­teilt einen Wein danach, ob ihm Schwe­fel zuge­setzt wur­de oder nicht.»

… Expe­ri­men­te: «Klar, man kann eine Men­ge aus­pro­bie­ren. Beim Aus­bau der Wei­ne zum Bei­spiel: Ich habe mit Edel­stahl expe­ri­men­tiert, mit Beton­ei­ern, mit Ampho­ren. Und nach zehn Jah­ren kam ich wie­der zurück zum Holz. Manch­mal ist es gut, auf die Ver­gan­gen­heit zu hören. Jede neue Gene­ra­ti­on möch­te wie­der alles anders machen. Das wird auch in 300 Jah­ren noch so sein. Doch am Ende stellt man fest, dass Tra­di­ti­on auch etwas Gutes hat.»

… Dosa­ge: «Eine Zeit­lang gab es einen Trend zu Zéro Dosa­ge. Das ändert sich jetzt lang­sam wie­der. Aus zwei Grün­den: Die Cham­pa­gner-Per­la­ge ist aggres­siv am Gau­men; etwas Dosa­ge mil­dert die­sen Ein­druck. Und sie lässt den Wein bes­ser altern. Zucker ist ein noch bes­se­res Anti­oxydans als Schwe­fel. Ein biss­chen Dosa­ge tut dem Wein gut.»

… sei­ne ver­bo­te­ne Par­zel­le: « Frü­her stan­den in der Cham­pa­gne 30’000 Stö­cke pro Hekt­ar. Sie erga­ben einen Ertrag von 4000 Kilo. Heu­te sind es 10’000 Stö­cke pro Hekt­ar, doch der Ertrag beträgt 10’000 Kilo oder mehr. Ich glau­be, je nied­ri­ger der Ertrag pro Stock ist, des­to mehr kann die Pflan­ze die Infor­ma­tio­nen des Bodens an die Trau­ben wei­ter­ge­ben. Ich woll­te den Unter­schied sel­ber erle­ben und habe eine Par­zel­le mit 35’000 Stö­cken bepflanzt – wur­zel­echt wohl­ge­merkt. Das alles ist laut Regle­ment ver­bo­ten. Also stell­te ich einen Antrag. Ich bekam kei­ne Ant­wort. In Frank­reich sagen wir: Kei­ne Ant­wort ist ein Ja – aus­ser bei Frau­en natür­lich. Ich habe also die Reben in die Erde gesetzt. Doch mit der moder­nen Satel­li­ten­tech­nik fällt so etwas lei­der auf. Jetzt muss ich die Stö­cke wie­der aus­reis­sen. Wenn ich damit fer­tig bin, wer­de ich wie­der einen Antrag stel­len. Und dies­mal bin ich hart­nä­cki­ger.»

… die bes­te Art, Cham­pa­gner zu ser­vie­ren: «Ich habe zwei Emp­feh­lun­gen. Ers­tens: Öff­nen Sie die Fla­sche 20 Minu­ten vor­her. Cham­pa­gner ist ein Wein, er braucht Luft. Zwei­tens: Cham­pa­gner auf Eis sieht schick aus, aber für den Wein ist das zu kalt. Ver­su­chen sie, so wenig Eis wie mög­lich zu gebrau­chen.»

Hier geht’s zu unse­ren Wein­tipps von Char­to­gne Tail­let.

Aus­ge­wähl­te Cham­pa­gner des Hau­ses sind unter www​.cul​ti​vi​no​.ch erhält­lich.